31.01.2009 - Hamburger Abendblatt
In Hamburg leben mehr als 3000 blinde Menschen. Damit sie Zugang zu Literatur bekommen, werden in der Blindenbücherei Romane und Krimis in die Punktschrift übersetzt. Der Franzose Louis Braille, ihr Erfinder, wäre in diesem Jahr 200 geworden.
Von Anne Dewitz
Zeile um Zeile fährt Ivonne Lotze mit dem Finger über die kleinen erhabenen Punkte auf dem weißen Papier. Ihre rechte Hand huscht vorweg, die Finger der linken folgen in kurzem Abstand. Die blonden Locken fallen der zierlichen Frau ins Gesicht. Über ihrem violetten Rollkragenpullover trägt sie eine schwarze Steppweste. Motorengeräusch lässt sie aufhorchen. Sie legt den Roman "Die Tochter des Senators" von Eileen Goudge zur Seite. Das Postauto ist gerade vorgefahren.
Der Fahrer betritt die weiße alte Villa. Links und rechts trägt er große schwarze Versandkoffer. Er stellt das schwere Gepäck ab und schnappt sich ein paar Boxen, die am Eingang bereitstehen. Schon rollt das Auto wieder die Auffahrt runter und biegt in die Herbert-Weichmann-Straße ein. Hier im Stadtteil Uhlenhorst, nahe der Alster, hat die Stiftung Centralbibliothek für Blinde ihren Sitz. Die Bücher in Brailleschrift, die hier ausgeliehen werden können, werden hier auch produziert.
Elke Dittmer sitzt an ihrem Schreibtisch in der ersten Etage. Sie trägt das Haar kurz und eine moderne Brille. In den Händen hält sie eine Broschüre über den Franzosen Louis Braille.
Der Erfinder der Blindenschrift wäre am 4. Januar 200 Jahre alt geworden. Das wird gefeiert. Mit verschiedenen Aktionen, wie der "Tour de Braille", einem bundesweiten Lesewettbewerb für Blinde. Dass dies überhaupt möglich ist, ist einzig Louis Brailles Punktschrift zu verdanken. "Wie bei einem Würfel besteht die Grundform der Brailleschrift aus einer Anordnung von sechs Punkten", erklärt Elke Dittmer dessen Prinzip. Sie weiß, wovon sie spricht. Sie ist seit 1989 Geschäftsführerin der Stiftung Centralbibliothek für Blinde. Dazu gehört auch die Norddeutsche Blindenhörbücherei, die im gleichen Haus untergebracht ist. "Sechs erhabene Punkte - die perfekte Größe für eine durchschnittliche Fingerkuppe." Mehr können von den Rezeptoren nicht mehr voneinander unterschieden werden.
Mit dieser Grundform sind 63 Kombinationen möglich. Der Buchstabe A entspricht dem Punkt oben links, B sind zwei untereinander stehende Punkte auf der linken Seite, C zwei nebeneinander liegende in der oberen Reihe. Jeder Buchstabe, jede Zahl und jedes Satzzeichen werden so übersetzt. "Nur Großbuchstaben gibt es nicht", sagt Dittmer, die für achtzehn feste Mitarbeiter verantwortlich ist.
Eine von ihnen ist Ivonne Lotze. Die 37-Jährige arbeitet seit mehr als acht Jahren im Versand der Hamburger Blindenbücherei. In den Beruf ist die reiselustige Frau mehr oder weniger "reingerutscht". Denn eigentlich ist sie gelernte Masseurin. Vor elf Jahren zog sie dann von Heligenstadt in Thüringen nach Hamburg-Billstedt.
Sie ist seit ihrer Geburt blind und ein richtiger Brailleschrift-Fan, wie sie sagt. Wenn es nach ihr ginge, sollten alle Lebensmittel, Kosmetikartikel und Medikamentenpackungen mit ihr versehen werden. Dann wäre sie beim Einkauf nicht auf fremde Hilfe angewiesen. "Und ich müsste zu Hause nicht alles selbst beschriften", sagt sie. Das macht sie mit einer Schreibtafel und einem Griffel. Sie sticht die Buchstaben Punkt für Punkt in ein stabiles Papier - spiegelverkehrt, denn beim Lesen fühlt sie ja nur die erhabenen Punkte. Die Tafel gibt es in verschiedenen Größen. Sie ist quasi der Kugelschreiber der Blinden.
Warum lesen, wenn es Hörbücher gibt? Diese Frage hört Ivonne Lotze immer wieder. "Warum lesen Sie denn?", möchte sie dann manchmal mit einer Gegenfrage antworten. Mal davon abgesehen, dass Hörbücher Lektüre nicht ersetzen können, muss sich Ivonne Lotze immer auf ihr Gehör verlassen. Geräusche nimmt sie viel intensiver wahr als Sehende. Wie herrlich muss es sein, dann in aller Ruhe mal ein Buch lesen zu können. Und aus diesem Grund werden Bücher wie "Die Tochter des Senators" von Eileen Goudge in der Stiftung Centralbibliothek für Blinde in Punktschrift übertragen.
Dies geschieht auf unterschiedliche Art und Weise, zum Beispiel auf einer Punktschriftmaschine. Äußerlich ähnelt sie einer herkömmlichen Schreibmaschine. Doch sie hat nur sechs Schreibtasten, plus einer Leertaste und zwei Funktionstasten. "Jedem Punkt ist eine Taste zugeordnet", sagt Ivonne Lotze und fängt an zu tippen. Dabei drückt sie mehrere Tasten gleichzeitig. Blitzschnell. Klack, klack, klack, klack. Eine gelernte Sekretärin wäre mit Steno nicht viel schneller.
Genau genommen benutzt Ivonne Lotze ja auch eine Kurzschrift. In der sind alle Bücher verfasst, um einerseits die Schreib- und Lesegeschwindigkeit zu erhöhen und andererseits den Umfang der Blindenschrifttexte zu reduzieren. Bei dieser verkürzten Schrift werden ganze Wörter oder Teile von Wörtern durch ein oder zwei Blindenschriftzeichen wiedergegeben. Einige Zeichen haben in der Kurzschrift eine andere Bedeutung als in der Vollschrift. So steht der Buchstabe A, also ein Punkt links oben, für das Wort "aber". Der Silbe "en" wird hingegen mit zwei nebeneinanderliegenden Punkten, wie beim Buchstaben C, wiedergeben.
Zeitschriften, die sich stark sehbehinderte und blinde Menschen hier auch ausleihen können, sind in Blindenkurzschrift geschrieben. Das Beste aus dem Magazin "Reader's Digest" erscheint zum Beispiel monatlich. Ebenso "Das Büro", Fachzeitschrift für Blinde und Sehbehinderte in Büroberufen und "Rita", die Frauenzeitschrift des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. Alle zwei Wochen erscheien auch ausgewählte Artikel der Wochenblätter "Stern" und "Zeit".
Die moderne Technik steht im zweiten Stock, neben einem Regal, das bis unter die Decke vollgepackt ist mit Krimis und Romanen. Elke Dittmer zeigt sie nicht ohne Stolz, die "Braillo Norway Modell 200", einen Blindenschriftdrucker. Gescannte Buchseiten werden mittels eines speziellen Computerprogramms in Codes umgewandelt. Auf dem Bildschirm steht "13hvLit7atur" auf blauem Hintergrund. Das heißt "Verleih von Literatur". Der Code wird wiederum an einen Drucker weitergegeben, der ihn in Blindenschrift umwandelt. Dann stechen achtzig Nadeln koordiniert drauflos. Vierzig auf der Vorderseite des Papiers, vierzig auf der Rückseite. Der Drucker rattert und spuckt Seite um Seite aus. Die hauseigene Buchbinderin bringt sie später in Form. Zwischen die Seiten des sowieso schon dicken Papiers kommen Trennblätter, damit die Punktschrift nicht zerdrückt wird.
Darum können aus einem Buch schnell mal acht Leitzordner werden. Auch ein Grund, warum keiner der 800 registrierten Adressaten selbst vorbeikommt, um sich etwas auszuleihen. Wer möchte schon acht schwere Ordner durch die Gegend schleppen, weil er ein Buch lesen möchte? Und aus diesem Grund wird alles über den Postweg verschickt. Portofrei, denn die Deutsche Post erhebt für Blindensendungen keine Gebühren. Auch die Mitgliedschaft in der Bibliothek ist kostenlos. Schließlich soll Literatur und damit Wissen hochgradig sehbehinderten und blinden Menschen jederzeit und ohne Barrieren zugänglich sein. Gleiche Chancen für alle.
In Hamburg leben mehr als 3000 blinde Menschen. Damit sie Zugang zu Literatur bekommen, werden in der Blindenbücherei Romane und Krimis in die Punktschrift übersetzt. Der Franzose Louis Braille, ihr Erfinder, wäre in diesem Jahr 200 geworden.
Barrierefrei bekommt noch einmal eine ganz eigene Bedeutung, wenn man Ivonne Lotze dabei beobachtet, wie sie durch die Flure der Bibliothek läuft. Sie tastet sich nicht vor, sie eilt durch die Gänge, geht von Regal zu Regal. Schließlich muss sie noch die Rücksendungen aus den Versandkoffern holen. Sie muss sich darauf verlassen können, dass nichts im Weg oder eine Tür offen steht. Sie ertastet die Buchrücken und sortiert jeden Band wieder an seinen Platz zurück. Ein Sehender würde sich hier nicht zurechtfinden.
November 2008, Radiosender NDR 90,3 - Das Abendjournal Spezial
Seit 1958 gibt es in Hamburg die Norddeutsche Blindenhörbücherei. Wir erklären, wie die Blindenhörbücherei funktioniert, und geben Einblicke in die Entwicklung des Hörbuchs und des digitalen Hörbuchformats DAISY. Hörer und Nutzer erzählen ihre persönlichen Geschichten.
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Am Mikrofon Ruth Asseyer
Erschienen am 08.11.08
Juli 2008, Hamburger Wochenblatt
Vor 50 Jahren nahm die Norddeutsche Blindenhörbücherei in Hamburg mit einem Bestand von 117 Titeln ihren Betrieb auf. Heute stehen 12.500 Hörbücher zur Verfügung, bis zu 1.200 Titel durchlaufen täglich die Versandabteilung der Bücherei in der Herbert-Weichmann-Straße. Rund 4.500 Hörer nutzen die Möglichkeit, sich Werke von Thomas Mann bis Rosamunde Pilcher auf Audiokassette oder CD-ROM kostenlos nach Hause schicken zu lassen. Gebühren werden nicht erhoben, die Länder Hamburg, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen sowie Spenden finanzieren die Einrichtung.
Die Hörbücherei wurde als Ergänzung zur Centralbibliothek für Blinde gegründet, die Bücher in Braille verleiht. „Unsere Nutzer sind überwiegend Menschen, die erst im Alter erblindet sind“, sagt Geschäftsführerin Elke Dittmer. Die Betroffenen lernen dann die Blindenschrift nicht mehr. Damit sie dennoch nicht auf Bücher verzichten müssen, nehmen Profisprecher regelmäßig neue Hörbücher auf, meist Belletristik - Romane, Krimis, Erzählungen. „Bei uns findet man die gleichen Titel wie in einer Buchhandlung“, sagt Elke Dittmer. Im Unterschied zu den im Handel erhältlichen Hörbüchern werden die Werke im eigenen Tonstudio ungekürzt in voller Länge aufgenommen. Die Bedeutung der Hörbücherei fasst Elke Dittmer so zusammen: „Wir sind für viele unserer Nutzer zum Lebenssinn geworden.“
Die Zukunft der Hörbücherei ist auch in Zeiten leerer Kassen gesichert: „Die Kultursenatorin hat zugesagt, dass es keine Kürzungen bei uns geben wird“, freut Helga Neumann, Vorsitzende des Vereins der Blindenhörbücherei bei der Jubiläumsfeier im Literaturhaus an der Alster.
Der Anfang vor 50 Jahren war mühsam, die Entwicklung der Tontechnik steckte noch in den Kinderschuhen. Die ersten Tonbänder waren unhandlich, die Abspielgeräte teuer. Viele Hörer schlossen sich deshalb zu "Abhörgemeinschaften" zusammen, um sich die Kosten für eines der kostbaren Geräte teilen zu können.
Mit dem Siegeszug des Kassettenrekorders in den 1970er Jahren stellte auch die Hörbücherei auf das neue Medium um, noch bis heute bilden Kassetten den größten Anteil am Gesamtbestand. Den vorerst letzten technischen Umbruch vollzog die Hörbücherei vor zwei Jahren: Seitdem werden neue Titel nur noch digital aufgezeichnet. Der Vorteil für die Nutzer: Wie in einem gedruckten Buch können sie nach Kapiteln vor- und zurückzublättern.
Erschienen am Hamburger Wochenblatt Juli 2008
Juli 2008, taz
Eine Villa im vornehmen Hamburger Stadtteil Uhlenhorst beherbergt die Norddeutsche Blindenhörbücherei. Seit 50 Jahren werden dort Bücher vertont - alle drei bis vier Tage ein neues
Von außen ist das Jugendstil-Gebäude stattlich, von innen verstuckt. Nichts deutet auf die rege Produktivität hin, die in den Räumen der "Norddeutschen Blindenhörbücherei" herrscht. Dabei werden in der Doppelhaus-Villa im vornehmen Hamburger Stadtteil Uhlenhorst jährlich ungefähr 100 neue Buchtitel vertont: alle drei bis vier Tage ein Buch. Im Keller sitzt gerade Susanna Clasen in einer doppelt-verglasten, schallgeschützten Kabine. Die 46-Jährige liest "Muschelseide" von Frederica de Cesco, auf dem Tisch vor ihr steht ein Radio-Mikrofon.
Die ausgebildete Schauspielerin und Sängerin ist eine von 15 SprecherInnen, die den Blinden ihre Stimme leihen. „Das Gefühl für Blinde vorzulesen ist wunderschön“, sagt Clasen, die ihre tiefe, rauchige Stimme zuerst bei Beate Uhse eingesetzt hat, bevor sie ihre ersten Theaterauftritte hatte. Gelesen werden vor allem Bücher aus der Sparte der Unterhaltungsliteratur.
Lange bevor das Hörbuch in den letzten Jahren seinen Siegeszug bei den Sehenden antrat, gab es die Literatur zum Hören für Blinde und Sehbehinderte. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten sich Blindenvereine in ganz Deutschland daran, die etwa 7.000 Kriegsblinden mit Literatur zu versorgen. Seit den 1950er Jahren gibt es Einrichtungen, die sich ausschließlich dem Lesen mit den Ohren widmen und blinden Menschen ein reiches Sortiment an Hörliteratur zur Verfügung stellen. Die Norddeutsche Blindenhörbücherei in Hamburg ist eine davon. 1958 wurde sie von Blindenvereinen gegründet und produziert seitdem vom Klappentext bis zum Nachwort vollständig gelesene Werke, was den größten Unterschied zu den Hörbüchern der Verlage darstellt. Dort werden Bücher gekürzter Fassung angeboten.
In den Regalfluchten in Keller und Obergeschoss der Villa stehen derzeit 12.500 Hörbuch-Titel, von denen es jeweils mehrere Exemplare gibt. Die langen Reihen mit den ungefähr 40.000 CD- und Kassetten-Boxen sind nach einem komplizierten System geordnet. Mitarbeiter suchen das bestellte Hörbuch und stecken es in einen Umschlag. Seit Gründung der Blindenbibliothek besteht ein Abkommen mit der Post, die sich bereit erklärt hat, Blindenlieferungen umsonst zu befördern, wenn es sein muss, sogar ins Ausland. Aus dem Katalog, den es im Internet, als Druckausgabe oder auch zum Anhören gibt, wird ein Titel ausgesucht und telefonisch durchgegeben. „Oft wissen die Leute nicht so recht, was sie wollen“, sagt Bücherei-Geschäftsführerin Elke Dittmer, „dann suchen wir ihnen irgendwas schönes aus.“
"Zugangsberechtigung" zur Hamburger Hörbücherei haben alle, die eine Blindheit oder Sehbehinderung nachweisen können. Derzeit sind es 4.500 Menschen, was verhältnismäßig wenig ist. „Es ist unheimlich schwer, die Leute zu erreichen“, sagt Dittmer. Wenn ältere Menschen erblinden, sei es ihnen oft unangenehm, sich ihre Blindheit einzugestehen. Außerdem müssten sie auf das Angebot explizit hingewiesen werden. „Der Begriff Barrierefreiheit müsste einmal neu diskutiert werden.“
Die Nutzer der Hörbücherei wollen diese nicht mehr missen. So wie der 86-jährige Walter Korn (Name geändert), der sein Augenlicht und seine rechte Hand bei einem Laborunfall verloren hat. In einem Dankesbrief an die Bücherei schreibt er: „Wenn ich mich recht erinnere, stand ich schon 1958 in ihrem Hörerverzeichnis, versorgt mit den dunklen Kästen, die mir viele (Nacht-)Stunden zum Tage machten.“ Der Brief schließt mit den Worten: „Nebst Gott im Himmel danke ich meiner Hörbücherei bis an mein selig Ende.“
Die meisten Nutzer der Norddeutschen Blindenhörbücherei sind zwischen 80 und 90 Jahre alt. Für jüngere Generationen ist das Hörbuch allerdings selten der einzige Zugang zu Literatur. Die 36-jährige Ivonne Lotze, die nebenan in der Punktschrift-Bücherei arbeitet, ist schon von Geburt an blind. Sie liest sehr gerne die Braille-Schrift, in den Urlaub aber nimmt sie lieber Hörbücher mit, „weil sie handlicher sind und es eine größere Auswahl gibt“. Ihrer Meinung nach ersetzen Hörbücher die Punktschriftbücher nicht. „Es ist wichtig weiter mit den Händen zu lesen.“ Hörbücher seien „einfach eine andere Form des Lesens“.
In dem halben Jahrhundert ihres Bestehens durchlebte die Hörbücherei viele Veränderungen. Immer ging sie mit der fortschreitenden Technologie: Das Tonband wurde zur Kassette, die Kassette zur CD. Seit einigen Jahren produziert die Norddeutsche Blindenhörbücherei die so genannten Daisy-Bücher. Daisy steht für Digital Accesible Information System, so heißt der weltweite Standard für navigierbare Multimedia-Dokumente. Die auf CDs gesprochenen Bücher werden dabei im MP3-Format komprimiert, so dass ein komplettes Buch auf eine CD passt. Ein eigens für Blinde entwickeltes Abspielgerät macht es möglich, die CD fast so zu navigieren, als hielte man ein echtes Buch in den Händen. Elke Dittmer, Anfang 40, Bürstenhaarschnitt, könnte stundenlang über Daisy reden. „Daisy ist die Inovation schlechthin,“ sagt sie. Das System macht es möglich, Titel und Autor anzusteuern, das Inhaltsverzeichnis, einzelne Kapitel oder auch den Klappentext. Wechselt man die CD, merkt sich das Gerät die Stelle und steigt beim nächsten Mal genau dort wieder ein. Es können sogar Absätze wiederholt werden.
Werden Internet-Plattformen wie http://www.vorleser.de/ oder http://www.audible.de/, auf denen man eine große Auswahl von Hörbüchern kostenlos herunterladen kann, die Bibliothek überflüssig machen? Was ist mit Apparaten wie dem Lesegerät, in das man nur ein Buch stecken muss, um es sich vorlesen zu lassen? Was ist mit den automatischen Vorlesefunktionen, die online verfügbar sind?
Elke Dittmer winkt ab. Immer sei irgendwas neues gekommen und immer habe es geheißen, "das ist das Aus". Dittmer glaubt, das es immer einen Bedarf an Hörbüchern geben wird, allein schon wegen der steigenden Zahl alter Menschen. „Die Aufgabe der Hörbücherei ist es, gedruckte Informationen jedem zugänglich zu machen“, sagt Dittmer. „Und erst in dem Moment, in dem das so ist, wird es uns nicht mehr geben.“
VON KRISTINA GERSTENMAIER
Erschienen am 19. Juli 2008 in der taz
July 2008, The DAISY Planet
On June 27 the North German Library of Talking Books celebrated its 50th anniversary in Hamburg. One hundred invited guests - friends, colleagues, representatives of the Association of the Blind and representatives of the local government - enjoyed a two hour program. Narrators and staff members offered a mix of music, readings and information about the work of a talking book library yesterday and today.
The talking book program in Germany began in the mid 1950's with the development of open reel tape machines. At that time several Braille book libraries existed in East and West Germany, and the new talking book service was established. The local governments provided funding to build studios and buy tapes. The governments still support the work of these libraries. The second big sponsor of these services is the postal company, providing the free postal service to deliver library materials for those who are blind.
Later, in the 1970's the two-track cassette was adopted and today DAISY is the technology we are all glad to use. In the digital multimedia future there is still a need for our service making books, information and other materials accessible to those who have no access to printed versions.
DAISY Planet Newsletter for July 2008
Juli 2008, Wohl und Wehe
Hamburg. 50-jähriges Jubiläum können diesen Monat die Mitglieder der Norddeutschen Blindenhörbücherei (NBH) feiern. Diese wurde am 27. Juni 1958 gegründet und ging aus den Kriegs- und Zivilblindenvereinen der norddeutschen Bundesländer Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg hervor.
Vielen im Alter erblindeten Menschen ist es nicht mehr möglich, die Blindenschrift (Braille) zu erlernen. Hören ist ihr einziger Zugang zur Literatur. Aus diesem Grund wurde im Jahr 1958 die Norddeutsche Blindenhörbücherei als Verein aus der Taufe gehoben. Einige Monate später begann bereits der Ausleihbetrieb mit 117 Hörbuchtiteln in je drei Exemplaren, die aus der Hörbücherei Marburg kamen. Das erste Verzeichnis im DIN A5-Format hatte lediglich 15 Seiten.
In der Folgezeit richteten die Mitglieder der NBH in der Herbert-Weichmann-Straße eine schalldichte Studiokabine samt Regieraum ein und begannen mit der Produktion eigener Hörbücher. Geräte zum Kopieren von Tonband auf Tonband wurden auch angeschafft, um zahlreiche Kopien der wenigen Titel für andere Hörbüchereien und für die eigenen Nutzer zur Verfügung herzu-stellen.
Während heute die Ausleihe der Hörbücher kostenlos ist, waren in den Anfangsjahren noch verbilligte Portokosten zu zahlen. So war und ist die "Blindensendung" der Post, neben der Förderung durch die Öffentliche Hand, das zweite Standbein auf dem die Blindenbibliotheken fußen.
Die einzige Voraussetzung zur Nutzung des Angebotes der NBH ist der Nachweis über die Sehbehinderung. Denn das Urheberrecht sieht vor, dass Hörbücher ausschließlich an blinde und hochgradig sehbehinderte Menschen ausgeliehen werden dürfen. Auf Grundlage von gedruckten, im Buchhandel erschienene Büchern werden die Hörbücher im hauseigenen Studio produziert. Dazu lesen vorwiegend Schauspieler im Tonstudio hauptsächlich Romane, aber auch Fachbücher vor.
Gegenüber der Schellakkplatte galt das Magnettonband vor 50 Jahren als Sensation. Mit dieser Technik wurde es erst möglich eigene Aufnahmen im Studio erzustellen. Da der Preis der ersten Tonbandgeräte jedoch zumeist das monatliche Einkommen der Kunden überstieg, unterstützten die Herstellen die blinden Hörer mit erheblichen Preisnachlässen. Zudem gab es von der Sozialbehörde einen Zuschuss von 150 D-Mark und der Blindenverein gewährte den Restbetrag als Darlehen. Zehn Jahre nach der Gründung der NBH kommt mit der Erfindung der Kompaktkassette eine geradezu sensationelle Neuerung auf den Markt und bei der Blindenhörbücherei wurde der Ausleihbetrieb schnell auf das neue Medien umgestellt. Heute entstehen im Studio als Ergebnis digitale Datenträger. Von diesen digitalen Archivmedien werden Kompaktkassetten kopiert und in einem weiteren Arbeitsschritt wird das Hörbuch zusätzlich in das "DAISY-Format" gebracht und auf CD-ROM gebrannt.
Als Versandverpackung für die Kassetten dienen wiederverwertbare, flache, gelbe Boxen aus Kunststoff, jeweils mit bis zu sechs Kassetten gefüllt. Jede Versandbox hat eine individuelle Signatur in Form einer Strichcode-Nummer. Die Versandboxen für DAISY-CDs hat das gleiche Prinzip, nur ein anderes Format. So ist die Bücherei voll computerisiert, um eine hohe Effektivität der Ausleihe und der Hörerberatung zu gewährleisten. Die Beratung der Hörer erfolgt am Telefon und immer mit Zugriff auf den aktuellen Datenbestand.
Erschienen im Juli 2008 in Wohl und Wehe
Juli 2008, Kieler Nachrichten
Mit 117 Titeln fing die Norddeutsche Blindenhörbücherei an
Hamburg - Sie erzählen Geschichten - und sind jetzt selbst zur Geschichte geworden: Hörbücher. Seit nunmehr 50 Jahren werden sie in Norddeutschland produziert, um sie sehbehinderten und blinden Menschen über einen speziellen Büchereiversand kostenlos zugänglich zu machen.
Wer sich mit den Anfängen dieses Angebots beschäftigt, landet schnell in den Tiefen der Technikgeschichte. Am 27. Juni 1958 wird in Hamburg die Norddeutsche Blindenhörbücherei (NBH) gegründet. Dahinter stehen acht Vereine der Blindenselbsthilfe aus dem Norden. Ein Jahr später beginnt der Ausleihbetrieb mit 117 Titeln. 1959 wird das neue eigene Studio in Hamburg ein- geweiht und damals der Fortschritt der sich entwickelnden Tonbandtechnik gelobt: "Leicht bedienbar, erschwinglich. Sogar transportabel" heißt es in der Chronik. Allerdings überstieg der Preis für ein Abspielgerät bei weitem das Durchschnittseinkommen der Nutzer, auch wenn es von den Herstellern Preisnachlässe für blinde Hörer gab.
Was für eine durchbrechende Wirkung hatte da die Kompakt-Kassette, die Philips auf den Markt brachte. Also stellte nach 1968 die Blindenhörbücherei um, kopierte ihre Einspielungen auf analoge Kassetten. 1985 folge dann die nächste technische Revolution: Der Computer erreichte auch die Hörbüchereien. Wunschlisten, Lagerbestand, Versendung an die Nutzer - alles geht nun schneller. Neue Studiotechnik, digitale Aufnahmen sind die nächsten Schritte.
Und heute? Elke Dittmer, Geschäftsführerin der NBH, beschreibt die Produktion von CDs und die Entwicklung eines eigenen Formats, das DAISY heißt. Das bietet nicht nur eine Palette von unterschiedlichen Abspielmöglichkeiten, sondern auch einen barrierefreien Zugang von Text-Dokumenten, die als Word-Dokument auf einem Rechner erstellt wurden.
Was sich in den 50 Jahren nicht verändert hat, ist das Ziel des Engagements: "Zugang zur Literatur zu bieten und helfen, den Tag sinnvoller zu gestalten", sagt Dittmer. Lesen heißt dann hören, denn in Deutschland verlieren jährlich rund 28.000 Menschen (meist im Seniorenalter) das Augenlicht.
Weitere Informationen bei der Norddeutschen Blindenhörbücherei unter Tel. 040/227 28 60.
Erschienen im Juli 2008 in den Kieler Nachrichten
Juni 2008, Welt
Vom Beginn mit 117 Titeln zum heutigen Bestand von 12 500 Hörbüchern
Die Norddeutsche Blindenhörbücherei e.V. feiert am 27. Juni ihren 50. Geburtstag. Die fortschrittliche Institution begann ihren Ausleihbetrieb mit 117 Hörbuchtiteln - heute sind 8000 Hörbücher auf Kassette und 4500 auf CD entleihbar. Als adäquater Ersatz für das gedruckte Buch erreichen die Exemplare ihre Hörer über den Postweg,auf dem sie als Blindensendungen kostenlos befördert werden.
„Die Hörbücher sind Tonbänder, auf die zumeist spannende Unterhaltungsliteratur gesprochen worden ist“, erklärte die WELT ihren Lesern im Juli 1957 und forderte für die Blinden der Hansestadt eine eigene Hörbücherei, wie es sie in Marburg und Münster bereits gab. Aus Marburg kamen auch die ersten Verleihexemplare in den an der Elbe frisch gegründeten Verein. Mit finanzieller Unterstützung der Länder Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen wurde 1958 ein hiesiges Studio eingerichtet, worin seitdem Romane, Krimis, Biografien, Sachbücher sowie plattdeutsche Bücher von professionellen Sprechern vorgelesen und aufgenommen werden.
Die Geschichte der Norddeutschen Blindenhörbücherei liest sich - oder hört sich vielmehr an - wie eine Geschichte des Mediums Hörbuch. Die ersten Sendungen erreichen ihre Hörer in Form sperriger Tonbänder, zehn Jahre nach Gründung der Bücherei kommt 1968 die Kassette als handliche Neuerung auf den Markt. Während der Kassettenrekorder die deutschen Haushalte erobert, stellt der Ausleihbetrieb auf die neue Technik um. Ab 1985 erleichtert der Computer die Prüfung der Buchwunschlisten gegenüber dem Lagerbestand.
Das digitale Hörbuch setzt sich in der Blindenbücherei rechtzeitig zur Jahrtausendwende durch: 1999 startet der Verein eine zweckgebundene Spendenaktion, die eine Digitalisierung des Tonbandarchivs ermöglicht. Entsprechend wird auch das Aufnahmestudio umgerüstet. Ab 2003 werden die ersten DAISY-Bücher produziert, das sind im MP3-Format komprimierte Fassungen, die komplett auf eine CD passen. Im neuen Kompaktbuch kann der Nutzer, sofern er über einen DAISY-Player oder einen PC mit entsprechender Software verfügt, ebenso blättern und stöbern, wie im gedruckten Vorbild. Die Navigationstechnik erlaubt andere Buchformen; so sind jetzt Zeitschriftenartikel als Hörbuch zu haben, auch Kochbücher, Nachschlagewerke und Handbücher können erstmals produziert und vom Hörer kapitelweise rezipiert werden.
In Deutschland erblinden jährlich rund 28 000 Menschen. Die Blindenhörbücherei reagierte bereits vor fünfzig Jahren auf die Tatsache, dass viele Mensche erst im Alter ihr Augenlicht verlieren, ohne zuvor die Blindenschrift erlernt zu haben.
Erschienen am 25. Juni 2008 in der Welt
Juni 2008, Hamburger Abendblatt
Die norddeutsche Blindenhörbücherei feiert Jubiläum. Seit 50 Jahren
produziert und verleiht die Bücherei in ihrem Haus an der
Herbert-Weichmann-Straße Hörbücher an Sehbehinderte. Zuerst waren es Tonbänder,
dann Kassetten und nun, digitalisiert, MP3-CDs. 12 500 Titel sind es bis heute.
Die 4500 Nutzer der Hörbibliothek, die hauptsächlich in Norddeutschland, aber
auch in Israel, Australien und Dänemark leben, können sich die Hörbücher
kostenlos zuschicken lassen. Auch die Mitgliedschaft in der Bücherei ist
kostenlos, denn die Hörbücherei wird durch die Bundesländer Hamburg,
Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bremen sowie Spenden der Nutzer
finanziert. Die Hörbücherei ist eine Ergänzung zu der Centralbibliothek für
Blinde, die Bücher in der Blindenschrift Braille verleiht und sich im selben
Haus wie die Hörbücherei befindet. „Nur etwa 25 Prozent der
Sehbehinderten können Braille lesen“, sagt Geschäftsführerin Elke
Dittmer. „Die meisten unserer Nutzer erblinden erst im Alter und lernen die
Schrift nicht mehr.“ Eine dieser Nutzerinnen ist Rotraut Rolla du Rosey
(85), die seit acht Jahren beinahe blind ist: „Ich war schon immer
Vielleserin. Nicht mehr lesen zu können war für mich sehr schmerzhaft.“
Ihre Augenärztin gab ihr den Tipp: die Blindenhörbücherei. Seit 2001 erhält
sie jede Woche Hörbücher per Post. „Für mich ist das mehr als nur ein Hörbuch
auszuleihen, mein Leben ist durch die Hörbücherei wieder schöner geworden.“
Neu in der Hörbücherei ist das Digital Accessible Information System (Daisy).
Mit diesem Programm können die Nutzer in den Hörbüchern nach Kapiteln vor-
und zurückblättern." Die Bibliothek feiert ihr Jubiläum am 27. Juni im
Literaturhaus (Schwanenwik 38).
Erschienen am 20. Juni 2008 im Hamburger Abendblatt
Februar 2008, Hamburger Abendblatt
Die Bezirksgruppe Kreis Pinneberg im Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein lädt zum "DAISY"-Nachmittag nach Uetersen ein. Hinter dem Titel steckt das "Digital Accessible Information System", das Sehbehinderten Zugang zu Informationen ermöglicht. "Das neue Speichermedium wird künftig die Hörbücher auf Kassette ersetzen", sagt Giuseppina Dolle, Leiterin der Kreisgruppe.
"DAISY"-Bücher sind im mp3-Format komprimierte, auf CD aufgesprochene Bücher, die mit einer Struktur versehen sind, die ein "Blättern" wie in einem für Sehende gedruckten Buch ermöglichen. Wer mehr über diese Technik erfahren will, sollte am Sonnabend, 2. Februar, um 14 Uhr in die Gaststätte "Zur Erholung" , Mühlenstraße 56, kommen.
Elke Dittmer, Leiterin der Norddeutschen Blindenhörbücherei Hamburg, wird die benötigten Abspielgeräte zeigen und über die neue Hörbuchgeneration informieren.
Erschienen am 1. Februar 2008 in der Beilage Pinneberg des Hamburger Abendblattes
September 2007, Börsenblatt
Lesen für alle? Der Leipziger Workshop "Chancen und Herausforderungen der Medienversorgung blinder und sehbehinderter Menschen im digitalen Zeitalter" an der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig (DZB), gemeinsam organisiert von der Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen e.V. (MediBuS) und dem Börsenverein, lotete Chancen und Herausforderungen der Medienversorgung blinder und sehbehinderter Menschen im digitalen Zeitalter aus - interessantes Terrain auch für Akteure aus der "klassischen" Verlagswelt.
BÖRSENBLATT.NET sprach mit MediBuS-Vorstandsmitglied Elke Dittmer.
Blindenbibliotheken als Schrittmacher der digitalen Revolution? Was manchen(sehenden) Laien eher etwas dick aufgetragen vorkommt, klingt den Fachleuten der Mediengemeinschaft für blinde und sehbehinderte Menschen e. V. (MediBuS) keineswegs wie Zukunftsmusik in den Ohren - die mehr als 100 Jahre währende Geschichte der Produktion blindengerechter Medien ist eine Geschichte technischer Innovationen:
Das Blindenschriftbuch konnte zuerst nur per mechanischer Punktschriftschreibmaschine hergestellt werden, danach ermöglichte der Druck per Zinkplatte erstmals die Herstellung mehrerer Kopien. Durch Computer, Scanner, Übersetzungsprogramme und moderne Drucker wurde die Produktion schneller und flexibler.
Seit rund 50 Jahren wird das klassische Blinenschriftbuch durch Hörbücher ergänzt. An die Stelle des Tonbands trat die Compact-Kassette, inzwischen selbst Auslaufmodell. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet man an der Vervollkommnung eines internationalen Standards für die nächste Hörbuch-Generation auf digitaler Basis.
Inzwischen sind multimediale Bücher für Blinde auf bestem Weg, die zeitaufwendig und kostenintensiv hergestellten analogen Hörbücher abzulösen.
Das wirft Fragen auf: Wie ist es um den Zugang zu digitalen Angeboten für Menschen mit erheblichen Seheinschränkungen bestellt? Wie können Verlage unterstützt werden, ihre Inhalte dem Behinderten-Gleichstellungsgesetz entsprechend barrierefrei für jedermann zugänglich zu gestalten? Und: Haben am Ende auch sehende Nutzer etwas davon?
BÖRSENBLATT.NET sprach mit MediBuS-Vorstandsmitglied Elke Dittmer, Geschäftsführerin der Norddeutschen Blindenhörbücherei (Hamburg) und Vorstandsmitglied des internationalen DAISY-Consortiums.
BÖRSENBLATT: Vor genau drei Jahren haben sich Produzenten und Bibliotheken, die blindengerechte Medien herstellen und verleihen, mit Verbänden der Blindenselbsthilfe im deutschsprachigen Raum zur gemeinsamen Dachorganisation MediBuS zusammengeschlossen; ihre Vision: „Jedem Menschen jedes Buch zur gleichen Zeit und zum gleichen Preis verfügbar zu machen".
Nun haben Sie Akteure des "klassischen" Buch- und Medienmarkts - Verleger, aber auch den Vorstand der Verwertungsgesellschaft Wort oder das Projekt Volltextsuche Online der MVB (Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels) - zum Workshop nach Leipzig eingeladen. Warum?
Dittmer: Wir haben Fragen an Verlage, eine ganze Reihe von Kooperationsideen - und wir haben eine Technologie an der Hand, die Verlagen - insbesondere kommerziellen Hörbuchverlagen - die Arbeit sehr erleichtern, womöglich einen Quantensprung vorwärts bedeuten könnte.
Leider ist das Wort "Blindenbücherei" häufig noch negativ besetzt, man hält uns für leicht verstaubt und antiquiert; technologische Innovationen erwartet man von uns eher nicht. An einer Einrichtung wie der DZB kann man sich eindrucksvoll vom Gegenteil überzeugen.
BÖRSENBLATT: Das Blinden(hör)buch erlebt seit einigen Jahren eine Art digitale Revolution - wo geht die Reise hin?
Dittmer: Wir haben letzte Woche auf unserer jährlichen Mitgliederversammlung ein Zukunftspapier verabschiedet: Wir werden unseren Nutzern mit sanftem Druck nahe bringen müssen, dass die Ära der Kassetten-Ausleihe am Silvesterabend 2009 endet. Das wird nicht ganz einfach; viele unserer Nutzer sind hoch betagt und wollen eigentlich nicht mehr auf eine neue Technologie umsteigen. Dabei ist die neue Technik gerade für alte Menschen sehr einfach zu bedienen - unsere Nutzer müssen nur begreifen, dass sie die CDs, die sie von uns bekommen, nicht mit einem herkömmlichen CD-Spieler abhören können.
BÖRSENBLATT: Um welche Technik handelt es sich?
Dittmer: Schon seit Mitte der 90er Jahre wurden mit dem Projekt DAISY konkrete Schritte unternommen, den Weg vom analogen zum digitalen Blindenhörbuch zu realisieren. DAISY steht für Digital Accessible Information System; es handelt sich dabei um auf CDs aufgesprochene Bücher, die im mp3-Format komprimiert sind.
Dazu können Sie in einem DAISY-Buch jedoch navigieren, so als ob Sie durch ein konventionelles Buch blättern: Sie können einzelne Kapitel oder Überschriften, sogar einzelne Sätze anwählen, sich den letzten Absatz noch einmal vorlesen lassen und sich per Tastendruck die Länge eines Buches oder die abgelaufene und die noch verbleibende Spielzeit der CD ansagen lassen - Features, die gerade bei Hör-Editionen von Zeitschriften und Sachbüchern enorme Vorteile bieten.
Die Bedienung der DAISY-Abspielgeräte ist ebenfalls sprachgeführt.
BÖRSENBLATT: Wie weit ist die Technologie verbreitet?
Dittmer: Neue Blindenhörbücher entstehen nur noch in diesem Format. Und dann ist es natürlich die große Aufgabe, unseren Archivbestand zu digitalisieren und um die Navigations-Funktionen zu ergänzen. Wir wollen im deutschsprachigen Raum bis Ende 2009 rund 30.000 DAISY-Hörbuchtitel im Angebot haben.
Seit kurzem kann man die Abspielgeräte, die im Fachhandel um die 350 Euro kosten, bei uns auch für eine Monatsgebühr von 12 Euro mieten.
Weltweit gibt es heute etwa 200.000 Abspielgeräte und eine ähnliche Anzahl von Büchern.
BÖRSENBLATT: Ein Nischenprodukt für sehr spezifische Anforderungen - was könnte kommerzielle Hörbuchanbieter an DAISY reizen?
Dittmer: In ersten Gesprächen mit Verlagen sind wir auf offene Ohren gestoßen - das Interesse an Verbesserungen der vorhandenen Produkte ist groß. Die ausgefeilten Navigations-Funktionen führen das Hörbuch-Erlebnis sehr nahe ans herkömmliche Lesen heran - nicht nur für blinde Menschen eine tolle Lösung, sondern, wie wir finden, auch ein interessanter Ansatz fürs klassische Hörbuch.
Gerade lange Produktionen lassen sich so vernünftig strukturieren, weit über die üblichen "Tracks" hinaus. Ein DAISY-Buch ließe sich so auch kommerziell denken: Der sehende Käufer spielt es auf dem mp3-Player ab, der blinde Nutzer hat zusätzliche Navigations-Vorteile.
BÖRSENBLATT: Ewige Jugend scheint auch im Zeitalter der Apparate-Medizin nicht in Sicht; die von der Weltgesundheitsorganisation auf weltweit 160 Millionen geschätzte Zahl Blinder und schwer Sehbehinderter wird sich in den nächsten 25 Jahren verdoppeln ...
Dittmer: Darüber hinaus stellt sich eine weitere, hierzulande immer etwas heikel diskutierte Frage: Wir machen Bücher zugänglich für Menschen, die Gedrucktes nicht lesen können. Das sind derzeit bei uns hauptsächlich Blinde und hochgradig Sehbehinderte. In anderen europäischen Ländern sind es zunehmend auch Sehende mit Leseproblemen - in Skandinavien etwa leiden ¾ der Benutzer an Dyslexien und anderen Störungen, die es ihnen nicht erlauben, Gedrucktes flüssig zu lesen.
Menschen, die nicht in Bibliotheken gehen, die keine Bücher kaufen. Wenn es gelingt, diese Menschen durch das DAISY-Buch am kulturellen Leben teilhaben zu lassen - dann können sie auch Kunden werden, sofern es die Produkte im Handel gibt.
Wenn Sie bedenken, dass wir pro Jahr im deutschsprachigen Raum rund 1700 neue Bücher in Blindenschrift oder als Hörbuch zugänglich machen, ist das natürlich verschwindend wenig - und oft bewegen sich die ausgewählten Titel eher am Massengeschmack. Gelänge es, diese Titel am kommerziellen Markt anzubieten,hätten wir mehr Kapazitäten für "schwierigere" Titel, die uns natürlich auch am Herzen liegen.
BÖRSENBLATT: Was nehmen Sie vom Workshop für Ihre künftige Arbeit mit?
Dittmer: Die persönliche Begegnung läßt uns die Schnittpunkte mit der Arbeit der Verlage klarer sehen. Wir werden im nächsten Jahr die ersten Abspielgeräte haben, die download- und streamingfähig sind. Wir müssen also über Rechte und Technik sprechen.
Volltextsuche-Online (VTO) arbeitet an der Vereinheitlichung unterschiedlichster digitaler Formate; ein Problem, mit dem wir in den Blindenbüchereien seit Jahren kämpfen.
Ich denke, der Workshop hat gezeigt, dass wir niemanden etwas "wegnehmen", sondern eine Menge zu geben haben - durchaus auch technologisch. Gern würden wir gemeinsam mit dem Börsenverein auf der Leipziger Buchmesse 2009 ein Forum "Lesen für alle" organisieren, das die aufgeworfenen Fragen weiter vertieft.
Auf der kommenden Frankfurter Buchmesse werden wir von MediBuS noch einmal vortragen, was wir können - und welche Kooperationsmöglichkeiten da für beide Seiten noch schlummern.
Nils Kahlefendt
Erschienen am 25. September 2007 in: Börsenblatt - Online-Magazin für den deutschen Buchhandel
August 2007, Segeberger Zeitung
Henstedt-Ulzburg / Hamburg - Vor sieben Jahren verlor Irmgard-Frieda Muhlack aufgrund von Durchblutungsstörungen allmählich ihr Augenlicht. Die Sehfähigkeit der Henstedt-Ulzburgerin liegt heute bei rund vier Prozent. Das hindert sie allerdings nicht daran, in ihrer Freizeit ein Buch nach dem anderen zu verschlingen - als Hörausgabe.
Die Kassetten oder CDs bezieht die 68-Jährige über die Norddeutsche Blindenhörbücherei, die ihren Sitz in Hamburg hat.
Im Hamburger Heidberg-Krankenhaus wurde Irmgard-Frieda Muhlack auf den Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg aufmerksam gemacht. Diesem trat sie als Mitglied bei. „Im Verein erzählte man mir von der Möglichkeit, Hörbücher über die Blindenbibliothek in Hamburg auszuleihen", erläutert die Henstedt-Ulzburgerin.
Für Blinde und Sehbehinderte ist die Nutzung der Einrichtung kostenlos. Es fallen keine Aufnahmegebühren oder Mitgliedsbeiträge an. Die Bücher werden kostenfrei in Versandboxen mit der Post zugestellt. Lediglich die Druckausgabe des Bibliothekkatalogs kostet etwas. Der Preis für die aktuelle Ausgabe von 2007 beträgt 15 Euro.
Die Hörbücher werden nach einer persönlichen Wunschliste verschickt. „Zu Anfang habe ich mir mithilfe meines Mannes etwa 50 Titel aus dem Bestand ausgesucht. Diese wurden natürlich nicht alle gleichzeitig zugesandt, sondern nach und nach. Generell hängt das auch davon ab, welche Bücher gerade vorhanden oder ausgeliehen sind", erzählt Irmgard-Frieda Muhlack.
Wenn ein Band an die Bibliothek zurückgegeben wird, kommt sofort Nachschub. Sogar an Urlaubsorte kann die Lektüre geordert werden.
Grundlage für die Hörbücher sind gedruckte und bereits im Handel erschienene Texte. Die Aufnahmen produziert die Norddeutsche Blindenhörbücherei in einem hauseigenen Tonstudio. Gesprochen wird der Schmökerstoff meist von Schauspielern.
In den ersten Jahren erhielt Irmgard-Frieda Muhlack ihre Bücher überwiegend in Kassettenform. „Die Kassetten waren allerdings durch die häufige Nutzung sehr anfällig und gingen leicht kaputt. Außerdem hatte der Postbote immer schwer zu schleppen, denn für längere Bände werden ja ziemlich viele MCs benötigt", erläutert die Henstedt-Ulzburgerin. Thomas Manns "Zauberberg" zum Beispiel füllt 31 Kassetten à 90 Minuten.
Heute ist die Zustellung im wahrsten Sinne des Wortes leichter, denn seit September 2003 können in Hamburg DAISY-Bücher (Digital Accessible Information System) ausgeliehen werden. Diese sind auf CD gesprochen und im mp3-Format komprimiert. So passen in der Regel selbst dicke Romane auf einen einzigen Tonträger.
„Schön ist auch, dass die DAISY-Bücher mit einer Struktur versehen sind. Dadurch kann ich mir zum Beispiel Lesezeichen setzen", sagt Irmgard-Frieda Muhlack. Ferner sei es möglich, beliebige Kapitel aufzurufen oder sich einen Absatz noch einmal vorlesen zu lassen.
DAISY-Bücher können nicht mithilfe herkömmlicher CD-Player abgespielt werden. Stattdessen wird ein spezieller DAISY-Player benötigt. Dessen Bedienung ist sprachgeführt, so dass Blinde und Sehbehinderte dazu in der Lage sind, das Gerät selbstständig zu handhaben.
„Die Player sind allerdings noch sehr teuer", weiß Irmgard-Frieda Muhlack. Der Preis liegt zurzeit bei über 300 Euro. Die Apparate können aber auch für zwölf Euro im Monat bei einer Firma gemietet werden. Die Norddeutsche Blindenhörbücherei stellt bei Bedarf den Kontakt her.
Irmgard-Frieda Muhlack hat sich inzwischen ein sogenanntes Milestone-Gerät angeschafft. In dieses sind sowohl ein DAISY-Player als auch ein mp3-Player integriert. Der kleine Apparat ist vielseitig einsetzbar und eignet sich nicht nur zum Abspielen von Hörbüchern. „Ich kann ihn unter anderem als eine Art Notizblock verwenden und meine Einkaufsliste darauf speichern", berichtet die Henstedt-Ulzburgerin.
Der Bestand der Norddeutschen Blindenhörbücherei umfasst zurzeit rund 8000 Titel auf Kassetten und 3000 DAISY-Bücher auf CDs.
Das Angebot an Romanen, Erzählungen Biografien, Reisebeschreibungen, Krimis oder auch Sachbüchern aus allen Wissensgebieten wird von etwa 4500 Blinden und Sehbehinderten genutzt.
„Davon sind die meisten in fortgeschrittenem Alter", sagt Elke Dittmer, die Geschäftsführerin der Norddeutschen Blindenhörbücherei. Viele hätten keine Möglichkeit mehr, die Blindenschrift (Braille) zu erlernen und seien daher auf Hörbücher angewiesen.
Täglich werden in Hamburg 800 bis 1200 Versandboxen mit gesprochenen Texten ausgeliefert und angenommen. Pro Jahr registriert die Bibliothek 250.000 Entleihungen.
Seit rund zehn Jahren können Blinde und Sehbehinderte auch die Segeberger Zeitung als gesprochene Ausgabe beziehen. Die "SZ zum Hören" wird kostenlos zugestellt und erscheint ein Mal in der Woche. Produziert wird sie von einer Arbeitsgruppe des Kreisverbandes des Deutschen Roten Kreuzes. Weitere Infos unter Telefon 04551/99232.
Die Norddeutsche Blindenhörbücherei befindet sich in der Herbert-Weichmann-Straße 44-46 in Hamburg und wurde im Jahre 1958 gegründet. Sie ist ein Verein der Kriegs- und Zivilblindenvereine aus Bremen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg. Die Bibliothek wird hauptsächlich vom Kulturhaushalt der Stadt Hamburg sowie von Spenden getragen.
Im selben Gebäude wie die Norddeutsche Blindenhörbücherei befindet sich die Stiftung Centralbibliothek für Blinde, die 2005 ihr hundertjähriges Bestehen feierte.
Die Bücherei verfügt über einen Bestand von 5000 Buchtiteln in 30.000 Blindenschriftbänden. 25.000 Bände werden pro Jahr an 800 Nutzer ausgeliehen.
Weitere Informationen über die Bibliotheken gibt es unter Telefon 040 / 227 28 60.
Von Isabelle Pantel
Erschienen am 15. August 2007-08-20 in der Segeberger Zeitung
Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag 8 bis 16 Uhr, Freitag 8 bis 13 Uhr
© 2008-2009 - Stiftung Centralbibliothek für Blinde und Norddeutsche Blindenhörbücherei e. V.